Ist hier Hengasch?

Briefkasten

Briefkasten in Kall-Anstois. Hengasch?

Der Zug fährt nur bis Kall. Nach Urft könnte ich erst eine Dreiviertelstunde später fahren, weil die Eifelstrecke nach einem Unwetter repariert wird. Da nehme ich doch lieber den Bus Richtung Gemünd und steige in Anstois aus, denn da war ich noch nie und kann von dort bis Kall-Bahnhof wandern. – Im Ort, also an einer asphaltierten Weggabelung, steht ein Briefkasten, ohne Nachtleerung, versteht sich. Der nächste Briefkasten mit Nachtleerung interessiert mich. Er steht in Troisdorf-Spich, ja geht’s noch? Wahn ist gleich nebenan. Die Bonner Hauptpost wäre doch näher gelegen, oder? Vielleicht braucht hier niemand einen Briefkasten mit Nachtleerung. Ist hier Hengasch? Muss wohl so sein.

Ein Rotmilan fliegt über das Urfttal

Ein Rotmilan fliegt über das Urfttal

Erzhaltiger Gesteinsbrocken am Wegrand

Erzhaltiger Gesteinsbrocken am Wegrand

Zwischen dem Tal der Urft und dem Wackerberg verläuft die Dorfstraße „Zum Fahrenbach“, und da laufe ich entlang, bekomme etwas Sonnenschutz von den Bäumen zur Rechten und lasse nach links meinen Blick über das Tal schweifen, wo ein Graureiher zwischen Strohballen herumstochert und ein Rotmilan von oben das Tal genauestens kontrolliert. Dann biege ich nach rechts ab und steige gemächlich den Berg hoch. Ein rötlicher Gesteinsbrocken mit nebenstehender Infotafel erinnert an die Frühphase der Industrialisierung in der Eifel, als hier Erze abgebaut wurden.

Mitten auf dem Weg ist es plötzlich nass. Woher kommt das Wasser? Einfach so aus dem Boden, erstaunlich. Eine Quelle, deren Wasser dem Fahrenbach zutröpfelt. Es gibt kein Schild, keine Quellfassung, nur etwas Matsch, aus dem ein Rinnsal fließt. Und dennoch: so eine Quelle ist etwas Wunderbares, Mystisches. Und gegenüber, am Rand des Fahrenbachs, feiern die Weißlinge eine Orgie.

Der Wald wird still. Die Sonne malt lichte Flecken auf die dicken Moospolster. War das dort hinten ein Hund oder ein Fuchs? Kein Mensch begegnet mir, war wohl doch ein Wildtier.

Ich pflücke mir ein paar Vogelkirschen und habe auch bald einen schönen Aussichtspunkt in der Nähe eines Bienenstocks erreicht.  

Nach einer Trinkpause mache ich mich auf, um eine Eiche, die auf der Wanderkarte verzeichnet ist, zu sehen.

Die Eiche hätte ich besser am Vormittag besucht, denn nun steht sie im Schatten der anderen Bäume. Der Platz davor ist durch einen Bretterzaun abgesperrt. Und die Infotafel fehlt, die von den Wanderern vor mir noch fotografiert worden war. Ich mache mich auf den Rückweg, treffe am Wegrand noch einen giftigen Gesellen und sehe schon wieder Häuser, sogar einen Trompetenbaum in voller Blüte – der ist nun wirklich kein Waldbaum. Ein paar Jungs spielen auf der Wiese unterhalb des Wasserwerks Fußball.

Im rechten Augenwinkel merke ich, dass mich Jemand beobachtet. Am Ende der Abzweigung steht im Abendsonnenschein ein Fuchs, der wohl überlegt, ob von mir eine Gefahr ausgeht. Erst mal nicht, mag er denken, denn er bleibt einige Minuten dort stehen. Wozu bin ich Schütze (laut Sternzeichen), sage ich mir, setze nochmals das Teleobjektiv auf und fotografiere ihn. Einundzwanzig Fotos läßt er mich schießen, dann wendet er sich um und verschwindet im nächsten Seitenweg. Möglicherweise hat er mich ja schon auf dem Waldweg am Wackerberg gesehen, und jetzt hat er mir gute Nacht gesagt.

Mein Weg führt mich am Ostlandkreuz vorbei ins Tal, und bald bringt mich die Regionalbahn wieder nach Köln zurück. Ja, hier bei Kall, wo der Fuchs mir gute Nacht sagt, hier muss einfach Hengasch sein.

Kall, Ostlandkreuz

Kall, Ostlandkreuz